Herzwurzeln. Vorwort von Univ.-Prof. Dr. Klaus Wolf


Vorwort

Wenn Kinder – aus welchen Gründen auch immer – nicht bei ihren biologischen Eltern aufwachsen können, sondern in einer Pflege- oder Adoptivfamilie leben, ist es meistens ziemlich kompliziert. Dann werden Dimensionen der Elternschaft aufgeteilt, die sonst zusammenfallen: biologische Elternschaft und genetische Abstammung, die Elternrechte und einige rechtliche Pflichten sowie die alltägliche Sorge im Zusammenleben mit dem Kind. Wie sie aufgeteilt sind und ob diese Trennung als vorläufig oder als endgültig betrachtet wird, ist unterschiedlich.

Das bringt vielfältige Herausforderungen mit sich, mit denen die Betroffenen – neben allen anderen Themen, die Erwachsene und Kinder in unserer Gesellschaft beschäftigen – zu tun haben. Mit diesen Aufgaben müssen sie sich auseinandersetzen. Das tun sie auch, indem sie versuchen, ihre Situation zu verstehen, sich die unübersichtlichen Verhältnisse zu erklären und sie zu bewältigen. Bewältigung meint insbesondere: Sie versuchen in Verhältnissen, die sie nur zum Teil unmittelbar beeinflussen können, handlungsfähig zu bleiben oder zu werden sowie ihr Selbstbild zu verteidigen und zu stabilisieren. Das sieht im Verhältnis von Eltern und Pflegeeltern manchmal nach einem Nullsummenspiel aus: Was der eine gewinnt, muss der andere verlieren. Diese Vorstellung wird uns bisweilen suggeriert. Dann werden moralisierende, einseitige, fundamentalistische Positionen aufgebaut: Sie reichen von der endgültig verwirkten Elternschaft bis zum Glauben, die biologischen Mütter und Väter blieben immer und in jedem Fall die wichtigsten Menschen und die einzig wahren Eltern. Der Preis für dieses Schwarz-Weiß-Denken ist hoch, wenn es unmöglich wird, die Situation aus der Perspektive des anderen zu sehen, ein feindseliger Umgang etabliert wird und die Kinder in einem Spannungsfeld von Loyalitätskonflikten aufwachsen müssen.

Wenn Soziale Dienste diese Konflikte zusätzlich befeuern, statt Ressourcen für die Bewältigung der jeweiligen Probleme zugänglich zu machen, begehen sie einen schweren Kunstfehler. Dort, wo sie hingegen Kommunikation ermöglichen, auch die Kinder als Vertrauenspersonen begleiten und konstruktive Bewältigungsformen eröffnen, erfüllen sie eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe.

Dieses Buch kann Kommunikation anregen, erleichtert Perspektivwechsel, zeigt Menschen bei eindrucksvollen Bewältigungsversuchen – auf eine ästhetisch an- sprechende Weise. Es treten tapfere, kluge Kinder auf, die viele gute Ideen entwickeln, manchmal aber auch große Sorgen haben und auf Hilfe angewiesen sind, wenn die ganz schwierigen Gefühle kommen. Und es zeigt beeindruckende Erwachsene, die ebenfalls Schwierigkeiten haben, diese aber nicht auf Kosten der anderen lösen. So wird an vielen Stellen die existenzielle Seite des Lebens der Kinder, der Pflege- und Adoptiveltern und der Herkunftseltern deutlich: Es geht nicht einfach nur um die Organisation des Alltags, es geht um zentrale Fragen des Lebens: um Herzblut-Themen.

Mich haben außerdem zwei Botschaften des Buches besonders gefreut: Es zeigt, welche große Bedeutung Kinder füreinander haben können – auch als Hilfe bei der Bewältigung komplizierter Aufgaben. Und es deutet an, dass die Auseinandersetzung mit der Herkunft eine lebenslange Entwicklungsaufgabe bleibt – auch für erwachsene Adoptierte und ehemalige Pflegekinder.

Ich wünsche den Leserinnen und Lesern, dass sie sich berühren lassen von diesem Buch und den Menschen, von denen darin erzählt wird.

Klaus Wolf, Sommer 2016



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